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Josua Boesch (1922-2012)
"Feuer gibt nicht nur Helle und Wärme, es wandelt von Grund auf,
wenn es das Feuer der Liebe ist. Es macht transparent wie die Metalle in den Ikonen. Man schaut einen seltenen Glanz, und schaut wie hindurch und sieht mehr. Verborgenes. Tiefes."
Josua Boesch

Vier Elemente (ca. 1978; 7,5x7,5 cm; Fotografie: Marcel Egli)
"ars contemplativa": Kontemplative Kunst - Kunst der Kontemplation

"Ars contemplativa: Schaffen aus der Stille, aber mehr noch aus einer inneren Präsenz, der eigenen und einer anderen. Der anderen zuerst. Die macht dann die eigene erst möglich, in der Gestalt liebender Aufmerksamkeit. Kontemplative Kunst ist lebensverändernd, ein Weg, auf dem man unmerklich das eine und andere hinter sich hat, man kann nicht mehr zurück. Man wird verwandelt, neu und transparent."

Josua Boesch
Lebensdaten

Josua Boesch wurde 1922 in Niederweningen geboren.
Er besuchte in Zürich die Kunstgewerbeschule und liess sich zum Gold- und Silberschmied ausbilden. Nach einem Theologiestudium in Zürich, Basel und Bielefeld war er 28 Jahre lang reformierter Pfarrer. Danach lebte er als Metallikonograph und Eremit 18 Jahre in der Toscana, zunächst im Eremo di Camaldoli, danach in Farneta di Soci. Die letzten 15 Lebensjahre verbrachte er in Zürich.
Am 10. Juli 2012 trat er für immer in die Auferstehungswirklichkeit ein.

Predigt zum Abschiedsgottesdienst  
Aufgebrochenes Holz (April 1983; ca. 8x12cm; Foto: Marcel Egli)
Innerer Weg

"Im Traum schaue ich 'vollendete Armut': Abensmahlskelche und Teller, Wandbehänge aus Metall, Kreuze und Schmuck, alle aus Kupfer, Messing, Silber und ganz wenig Gold, zu einer Einheit geworden im Feuer. Im Erwachen spriessen die Ideen nur so, als würden sie vom Lebensbaum fallen. Was ist nur mit mir geschehen? Es ist wie erwachen. Endlich erwachen! Ja, das bin Ich: Pfarrer und Kunsthandwerker. Das Arme trägt das Vollendete. 'Der Sand wird blühen.' (Jesaia 35,7)"

Als Josua Boesch diese Worte am 9. Januar 1974 in sein Tagebuch schreibt, steht er am Beginn einer neuen Lebensetappe. Mit 51 Jahren bricht er neu auf mit der Vision von der "vollendeten Armut" im Herzen. Hinter ihm liegen lange Jahre als reformierter Pfarrer und der erste Beruf des Silber- und Goldschmieden. Für die neue Lebensaufgabe hat er noch keinen Namen. Erst Jahre später fällt er ihm zu: Ikonografie als Einheit von Theologie und Kunsthandwerk. Denn die Metalle, mit denen Josua Boesch durchs Feuer geht, widerspiegeln eine ungeahnte Schönheit, die über sich hinaus weist. Genau das ist das Kennzeichen von Ikonen: es sind Bilder, die über sich hinausweisen, die Fenster in die Ewigkeit sind.

Sowohl die Möglichkeiten seines Handwerks, als auch seine Beheimatung in der reformierten Kirche verbieten es aber Josua Boesch bei der ostkirchlichen Ikonografie anzusetzen. Er erkennt, dass er das Geheimnis der Ikone neu suchen muss und er den Auftrag hat, es seinen Möglichkeiten entsprechend zu verwirklichen. Das ist auch die erste Grunderfahrung seines spirituellen Weges: "Das Arme trägt das Vollendete." In der Armut meiner Begrenztheit, in dem Wenigen, das mir geschenkt ist, will das Vollendete sichtbar werden.

Auf dem Weg zu seinem neuen Beruf wird der heilige Franziskus zum wichtigen Begleiter von Josua Boesch. Das franziskanische Kreuz von San Damiano, das nicht den Gekreuzigten sondern den Auferstandenen zeigt, bildet die Vorlage zu seinem Auferstehungskreuz.
Durchbrochene Kreuz (1975; 45x45 cm; Foto: Doro Röthlisberger)
Er schreibt dazu: "Dreieck - Schale - Kreis, Figur des aufrechten Menschen, wenn Gott und Mensch wieder eins sind. Ureinfach, eindeutig und klar. So sind wir gemeint von Anfang an. Aufrecht, nicht gekrümmt und gebeugt. Nicht gekreuzigt, nicht Opfer. Auferstanden."

Vom Auferstandenen ist nur noch seine Spur zu sehen, er ist abwesend und gleichzeitig im Leerraum geheimnisvoll anwesend. Der folgende Text von Josua Boesch lässt spürbar werden, wie stark ihn diese Ikone berührt hat: "Geheimnis der Leere! Man beginnt wieder zu atmen. Alles ist wieder offen. Der Wind bläst hindurch. Ein heiliger Wind. Man spürt eine Frische wie Morgenluft. Beginnt es zu dämmern? Beginnt etwas Neues? Ein neues Denken? Ein neues Begegnen? Da stehen wir jetzt mit leeren Händen, wie ER in der Ikone. Er formt sie zur offenen Schale, bereit für die Hostie. Um sie zu teilen mit uns und mit allen."

Die Gestalt des Auferstandenen ist von nun an das zentrale Motiv der Ikonen Josua Boeschs. Immer wieder verwandelt sie sich. Um Zeit und Raum für die Ikonografie zu haben, reduziert Josua Boesch seine Arbeit als Pfarrer zunächst auf 50%. Die Sehnsucht, dem Geheimnis der Ikone auf den Grund zu gehen, führt ihn aber noch weiter über den gewohnten Lebensbereich hinaus. 1979 verlässt er die Schweiz und zieht ins südtoskanische Eremo di Camaldoli. In der Stille und Abgeschiedenheit dieses Klosters (und einer benachbarten Einsiedelei, die er 1985 bezieht) entstehen eine Fülle von Ikonen. Sie sind Ausdruck kontemplativer Erfahrung: "Wer betrachtet, wird trächtig. Und er wird Neues gebären. Im schweizerdeutschen ‚Luege' steckt ‚Lücke', also hindurchschauen." Die Mitbrüder wissen, wann sie den Ikonografen in Ruhe lassen müssen. Eine Tafel vor dessen Zellentüre mahnt dann nicht ohne Schalk: "Silenzio. Nasce una icona!" (Eine Ikone wird geboren). Das Zeichnen und Aussagen der Figuren, die anspruchsvolle Arbeit mit dem Feuer erfährt Josua Boesch als ‚ars contemplativa', als Kunst der Kontemplation, die kontemplative Kunst hervorbringt. Er erlebt sich mehr als Schauender als jemand, der etwas herstellt, und staunt darüber, was unter seinen Händen und im Feuer entsteht. "Der eigentliche Künstler ist das Feuer!" antwortet er gerne, wenn er nach seiner Technik gefragt wird.

Der Durchgang durchs Feuer hat für ihn symbolische Bedeutung. Nicht nur die Metalle müssen durchs Feuer gehen, um zu ihrer eigentlichen Schönheit zu finden, auch dem Menschen, der nach seiner Ikone sucht, bleibt der Weg durchs Feuer nicht erspart. Und wie es für den Ikonografen jedesmal überraschend ist, wie die Ikone sich im Feuer verwandelt, so erfüllt es den spirituellen Sucher mit Staunen, wenn er plötzlich etwas vom Urbild erahnt, das er in seinem Herzen trägt.

Einen tieferen Sinn hat es für Josua Boesch auch, wenn er gegen die Regeln der Goldschmiedekunst sogenannt "edle" Metalle (Gold und Silber) mit sogenannt "unedlen" Metallen (Kupfer und Messing) miteinander verbindet. Auf dem Weg zu Gott ist der ganze Mensch gefragt und nicht nur seine "edle" Seite. Auch in dem, was wir als minderwertig an uns betrachten, verbirgt sich etwas Wertvolles, das ans Licht kommen möchte. Die Ikonen machen sichtbar, dass sich die Heilsgeschichte nicht an menschliche Wertordnungen hält. Gerade das, was vor die Hunde geht, wird dann zum Anfang einer neuen Wirklichkeit, wie es die Ikone mit dem Hundeknochen zum Ausdruck bringt.

Als Josua Boesch am Ostermontag 1993 seine Zellentüre öffnet, liegt auf der Schwelle ein kleiner Knochen. Das Hündchen des Nachbars hat in dort liegengelassen. Der Ikonograf nimmt es als österliches Zeichen und sieht darin das leere Grab, aus dem der, "der vor die Hunde ging", zu neuem Leben aufersteht.

Die Ikone mit dem Hundeknochen gehört zu der späten Schaffensphase von Josua Boesch. Die Gestalt des Auferstandenen ist im Laufe der Jahre nicht nur immer zarter und geschmeidiger geworden, sie hat auch begonnen zu tanzen. Und sie lädt den Schauenden ein, mitzutanzen, "auferstehungsleicht" zu werden.

So leicht die ikonischen Gestalten sind, so schmerzhaft ist oft der Weg der Verwandlung, den sie bezeugen.
Eremitische Freundschaft (Juli 1981; 26x20cm; Foto: Doro Röthlisberger)
Zu der Ikone "Eremitische Freundschaft" (1981) schreibt Josua Boesch: "Der Zugang zu sich führt durch die Wüste. Durch Dornen und Disteln. Durch das Gestrüpp von Leiden und Schmerzen. Hauchdünn ist der Eingang zur Spirale. Man findet zu ihm nur allein und ohne Ballast. Aber dann atmet man freier, begnügt sich mit wenig. Ganz wenig genügt, um zum Eigenen, Eigentlichen zu gelangen." Der Weg zum Eigentlichen führt am "Meer der heilenden Trauer" vorbei, wie eine andere Ikone heisst.
Am Meer der heilenden Trauer (11.07.1989; 22x22cm; Foto: Doro Röthlisberger)
Sind die 13 goldigen Tränen, die in der Ikone wie Regentropfen ins Meer fallen, Tränen trauernder Menschen? Oder weist das Gold darauf hin, dass es die Tränen Gottes sind, die er über die Tragödie menschlicher Geschichte weint? Die Metallikonen sind häufig vieldeutig und laden zur persönlichen Interpretation ein. Ich darf in ihnen meine Geschichte und das Verheissungsvolle in ihr erkennen. Am Meer der heilenden Trauer kann mir der Auferstandene begegnen. Mit grosser Leichtigkeit überquert er die Wasser, kommt mir einladend entgegen und geht mir voraus ans unbekannte Ufer der erneuerten Schöpfung.

Dass Josua Boesch mit seinen Metallikonen auch theologisch neue Wege beschreitet, zeigt beispielsweise die Ikone mit dem ungewohnten Titel: "Die Auferstehung des Judas".
Die Auferstehung des Judas (22.09.1986; 17x26cm; Foto: Doro Röthlisberger)
Der Entstehung der Ikone ist eine intensive Auseinandersetzung mit der neutestamentlichen Gestalt des Judas und dem Verhältnis von Judentum und Christentum vorausgegangen (vgl. die Meditation von Josua Boesch zu dieser Ikone ' pdf folgt noch). Die Ikone zeigt, wie Christus seinen Freund Judas in den Kreis des Lebens hineinholt und läuft damit einer 2000-jähigen christlichen Verdammung des Judas und der Juden entgegen. Die beiden sind eins im Dialog und gehen gemeinsam übers Wasser und den Abgrund des Todes. Die Ikone ermutigt zum Wagnis des Dialogs, zur dialogischen Existenz. Oder mit den Worten von Josua Boesch:

"Ikone. Ebenbildlichkeit. Mein Bild auf SEINEM Antlitz schauen Und IHN SEIN Bild auf meinem Antlitz schauen lassen. Das aushalten lernen."

1997 kehrt Josua Boesch nach 18 Jahren zurück in die Schweiz. Das Alter und eine Krankheit zwingen ihn, die Metallikonographie aufzugeben. Ganz bewusst nimmt er Abschied, auch wenn es ihm nicht leichtfällt. Seine Mission ist erfüllt. Trans-mission heisst denn auch seine letzte Ikone, die auf dem Holz einer alten Transmissionsachse entstanden ist.
Trans-mission (1997; ca. 24x26cm; Foto: Marcel Egli)
Transmission heisst Übersetzung, Überschreiten, Überfahrt und fasst die Botschaft der Metallikonen von Josua Boesch in ein Wort: Sie übersetzten die unsichtbare Wirklichkeit Gottes in Bilder, die inspirieren, ermutigen und trösten. Der Auferstandene, den sie bezeugen, überschreitet die Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Diesseits und Jenseits und ist auf eine geheimnisvolle Weise in unserer Mitte gegenwärtig. Sie ermutigen zu dem, was schon beim mittelalterlichen Mystiker Johannes Tauler Überfahrt heisst: zum Aufbruch zu den neuen Ufern und Horizonten der messianischen Zeit.
Publikationen von Josua Boesch:
  • Gebätt i der mundart. Zürich: TVZ 1974.
  • Aachoo bi Dir. Alti und neui text, Oberegg: Noah Verlag 1982.
  • Das Triptychon von Kain und Abel in Marzabotto, Bologna 1985.
  • Auferstehungsweg, Oberegg: Noah Verlag 1998   
  • s Johannes-Evangeelium. Us em griechische uf züritüütsch überträit vom Josua Boesch, Zürich: Jordan Verlag 1986.
  • d' Psalme. Us em hebrèèische uf züritüütsch überträit vom Josua Boesch, Zürich: Jordan Verlag 1988.
  • Arte contemplativa, Oberegg: Noah Verlag 1988.
  • Morgendämmerung. Tagebuch einer Wandlung, Oberegg: Noah Verlag 1995.
  • Nootvorraat. Verdichtige uf Züritüütsch, Zürich: Jordan Verlag 2000.
  • Underwägs. Nöji Verdichtige uf Züritüütsch, Zürich: Jordan Verlag 2001.

Publikationen über Josua Boesch:
  • Simon Peng-Keller, Auferstehungsleicht. Der ikonografische Weg von Josua Boesch. Oberegg: Noah Verlag 1999.

"Nasce una icona!" - "Eine Ikone wird geboren!"